Vom kleinmütigen Kontrolletti und der freimütigen Schaffenskraft

Wie Unternehmungen versuchen die freien Kreativen mit den falschen Ansprüchen für sich zu vereinnahmen.

In vielen Stellenausschreibungen werden kreative Mitarbeiter mit folgenden Eigenschaften gewünscht: akribisch, professionell, gewissenhaft, belastbar, loyal, durchsetzungsfähig, sozial intelligent, selbständig, motiviert, innovativ und teamfähig. Am Ende wird manchmal noch ein kleines “kreativ” hinzugehuscht.

Nicht nur Pharmaunternehmen sind händeringend auf der Suche nach unterstützenden Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die all diese Qualitäten in sich vereinen sollen. Wenn es realistisch wäre – abgesehen davon, dass Controller-Qualitäten (Ratio) absolut gar nicht mit den Designer-Qualitäten (Emotio) korrespondieren können – wie ernst ist es den Unternehmenslenkern damit wirklich, Kreativität in ihrem Haus zu ermöglichen?

Kreativsein bedeutet u. a.: Kurzzeitige Phasen von schöpferischem Chaos. Kurzzeitig wohlgemerkt, da das kreative Schaffen in den Hauptphasen in der Hauptsache mit der Strukturierung der Einfälle und Ideen zu tun hat. Perspektivwechsel. Grenzüberschreitendes Denken. Den Gedanken freien Lauf zu lassen. Viele Fehler machen und dabei sehr ausdauernd zu sein. Bewusst die Zielrichtung vergessen. Sich darauf konzentrieren, sich nicht zu konzentrieren. Sich in einen mentalen Zustand geprägt von Konzentration und Ruhe zu versetzen. In einem inneren Stadium des Flusses (Flow) und dabei immun gegen internen oder externen Druck zu sein. Genauso wie gegen jegliche Ablenkungen. Es bedeutet auch nicht zu vergleichen und verglichen zu werden. Eine Atmosphäre frei von jeglichem Wettbewerb, keinerlei Abwertung wie auch Aufwertung auf Kosten Anderer zu schaffen. All das ermöglichen, zulassen und aushalten.

Wieviel Gestaltungs- und Entscheidungs-Spielraum wird den potentiellen Mitarbeitern tatsächlich gewährt? Wieviel Kreativitäts- und Innovations-Möglichkeit im Alltag eingestanden? Wieviel Zeit zum Nachdenken, Innehalten, Reifenlassen dabei berücksichtigt? Wie flexibel sind die Arbeitszeiten? Wie ortsunabhängig darf an den Projekten gearbeitet werden? Wie vereinbar ist die Tätigkeit für den Arbeitnehmer mit den eigenen Interessen der Familie, Partnerschaft, Gemeinschaft, Gemeindearbeit, Nachbarschaftspflege, Freizeit, Eigenverantwortlichkeit, Sinnhaftigkeit, Wertigkeit oder sozialem Engagement?

Wieviel Empathie wird insbesondere in der Werbebranche, in der es um das Erreichen der Mitmenschen durch ganzheitliche Kommunikation geht, tatsächlich erwünscht? Und weshalb wird von vielen Unternehmen an dem »Arbeiten vor Ort« – der Anwesenheitspflicht wie wir sie aus der Schulzeit kennen – vehement festgehalten? Gleichzeitig werden das Kreative und die schaffenskräftigen Querdenker verzweifelt gesucht?

Das geht nicht zusammen. Weshalb diese Kontrollwut? Ist das nötig?

Sind die Mitarbeiter nicht alle bereits erwachsen und sind die jüngeren Jahrgänge wie auch die vielbeschriebenen Generationen X und Y nicht ebenso mündig und überaus selbständig?

Haben oder Sein – um Erich Fromm zu zitieren.

Uns interessiert das Haben der Old Economy Ära nicht. Wir legen keinen Wert auf die Ansammlung von Objekten, Statussymbolen oder Pseudo-Persönlichkeiten. Uns kommt es nicht auf den Schein an. Wir legen Wert auf das Sein.

Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen. Die Entwicklung weg von der Agrarwirtschaft, hin zur Industriellen Revolution ist längst vollzogen. Gegenwärtig befinden wir uns im Wandel zur Wissens– bzw. Informationsgesellschaft, so heißt es in vielen Journalien. Obwohl auch Dienstleistungsgewerbe, Handwerk sowie Produktionsindustrie weiterhin existieren. Wir schöpferisch Tätigen wie Print- und Web-Designer, benötigen häufig nur noch einen Laptop, Energie und einen Onlinezugang. Fertig ist der mobile Arbeitsplatz.

Mobil wohlgemerkt. Mobi-hil.

Weshalb nicht den Menschen so arbeiten und leben lassen, wie er es gerne täte? Frei und sogar ohne Arbeitsvertrag. Freivertraglich – freiberuflich wie wir es gegenwärtig nennen. Von seinem Bootshaus in Amsterdam, von seinem eigenen Büro oder seinem Home Office aus. Im Leuchtturm an der Ostsee sitzend oder vom Lieblingscafe Mails beantwortend und Konzepte verfassend. Beim Sommerbesuch der Patentochter an der Küste arbeiten, dabei das Familienleben und den Zuwachs miterleben, ein Gegenüber sein und selbst auch ein Gegenüber haben. Ein Leben in dem das Arbeiten dazugehört, vom Privatleben zwar getrennt sein kann – wer es mag – aber nicht muss. Eine Vereinbarung treffen »Ich tue das für dich bis dahin und du bist bereit den ausgehandelten Preis dafür zu bezahlen«. Angebot angenommen – Auftrag erteilt. Schriftlich fixiert versteht sich.

Ja, und dann?

Dann ist Vertrauen angesagt.

Dann geht es los mit der Ausführung und Umsetzung. Dabei tut es nichts zur Sache, wie Kreative genau zu ihrem Ergebnis gelangen, von wo aus sie das erledigen und welchen Arbeits-Rhythmus sie dabei an den Tag oder die Nacht legen. Frei nach dem ROWE-Prinzip (Results-Only Work Environment) von Cali Ressler und Jodie Thomson (www.gorowe.com) – das Ergebnis zählt. Die intrinsische Motivation, die eigene Organisation und innere Struktur haben Gewicht. Autonom, selbstverantwortlich und selbstbewusst wird gehandelt.

Keine unnützen Besprechungen. Kein Absitzen von Reststunden bis Feierabend. Kein sogenannter Schulterblick, der jegliche Kreativität weil »Kontrolletti« bereits im Keim erstickt. Ganz zu schweigen vom »Brainstorming im Team«. Keine Entmündigung, keinerlei Störung bei der kontemplativen Arbeit. Stattdessen kann die neu gewonnene Zeit auf Seiten der Projektmanager für das tatsächliche Koordinieren der Projekte genutzt werden. Mehr ist es doch nicht. Oder doch? Die Antwort kennen wir aus den Geschichtsbüchern.

Die Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft nur überlebensfähig bleibt, wenn wir die Kunst und Kreativität in ihr hegen, pflegen und wertschätzen, ist nach wie vor aktuell. Wenn wir den Drang nach Freiheit, Individualisierung, Selbstverwirklichung, nach Verbundenheit, Mitgefühl und Empathie, nach selbstbestimmtem Leben und Arbeiten, wie auch Spiritualität oder Glauben, nicht nur zulassen, sondern auch erwarten, aktiv mitgestalten und fordern, dann erfüllt es uns mit Lebensfreude. Weil wir unserer ganzheitlichen, menschlichen Bestimmung nahe kommen. Das ist meine tiefe Überzeugung.

»Der Mensch wird am Du zum Ich«, wie Martin Buber es wahrhaft in seinem Büchlein »Ich und Du« formulierte. Wir brauchen die Begegnung im Leben – auch im Arbeitsalltag. Längst wissen wir auch, dass selbstdistanziert zu funktionieren uns Menschen erkranken lässt, wie Arno Gruen hierzu eindringlich in seinem Buch “Dem Leben entfremdet – Weshalb es wichtig ist zu lernen wieder zu empfinden” anmahnt. Bewegung statt Starrheit. Zulassen statt Verbieten. Lassen statt verlassen. Einladen statt Ausgrenzen. Vertrauen statt Kontrolle. Raumgebende statt einengende Strukturgebung, wie sie bspw. von Ruth C. Cohn in »TZI – Themenzentrierte Interaktion« postuliert wird (Ruth Cohn Institute for TCI International). Und wie wär‘s mal mit keiner Hierarchie statt den ausgenudelten »flachen Hierarchien«?

Ein Miteinander auf Augenhöhe. Weil wir Menschen, soziale Wesen sind.

Es wird Zeit die Periode des kleinmütigen Kontrolletti durch die Epoche der freimütigen Schaffenskraft zu ersetzen. Die neuen Technologien des 21. Jahrhunderts machen es uns leichter als jemals zuvor.

Vielleicht, ließen sich dann die Freimütigen wieder eine Anstellung gefallen – doch dann, spielte es keine Rolle mehr, ob angestellt oder freiberuflich.

Art Director – wo bist du?
Lieber Mensch. Wir brauchen dich in der Funktion des Art Directors. Über unser Unternehmen kannst du ja googeln. Bitte sage mir, was du dir wünschst, um dich dazu entschließen zu wollen, uns mit deinen Fähigkeiten und deiner Tatkraft zu unterstützen. Alles Weitere bei einem Spaziergang und Cafebesuch, wenn du magst. Und wenn du nicht kommen kannst, komme ich auch gerne zu dir. Oder wir treffen uns auf halbem Wege. Ich bin Alex und das ist meine Mail-Adresse: alexander(at)unternehmung.de. Ich freue mich dich kennenzulernen.

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